Ein Ehrengrab für 1968

Ex-Studentenführer Krahl
Ein Ehrengrab für 1968
VON PETER MLODOCH

Das Angedenken drohte mit der Einebnung seines Grabes in der Versenkung zu verschwinden. Aber nun – 27 Jahre nach seinem tragischen Unfalltod – wird der Ex-Studentenführer Hans-Jürgen Krahl doch noch als eine Ikone der 68er-Bewegung geehrt. Nicht nur, dass sein Grab nicht eingeebnet wird – ein Denkmal macht aus Krahls letzter Ruhestätte auf dem Friedhof Hannover-Ricklingen eine potenzielle Pilgerstätte. Am heutigen Mittwoch wollen die Initiative Krahl-Gedächtnis und der Frankfurter Kulturverein DenkArt auf dem Grab eine Doppelsäule des Steinbildhauers Uwe Spiekermann enthüllen.

“Die beiden gegeneinander gesetzten Stelen symbolisieren die innere Unruhe, das offene, nicht abgeschlossene Leben des viel zu jung verstorbenen Studentenführers”, sagt DenkArt-Chef Norbert Saßmannshausen. “Krahl war ein Mythos. Die Zeit für eine Würdigung war überfällig.” Der Geehrte war einer der führenden Strategen des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) – für viele neben Rudi Dutschke sogar der wichtigste Vertreter der 68er-Rebellion. Dabei stand der 1943 in Sarstedt bei Hannover geborene Krahl zunächst auf der anderen Seite – als Mitglied in der CDU und in einer schlagenden Verbindung. 1964 trat er in den SDS ein, 1965 kam er nach Frankfurt, begann bei Adorno seine Dissertation über das “Naturgesetz der kapitalistischen Bewegung bei Marx”. Krahl galt als Chefdenker, gab sich aber auch handfest: Wegen der Besetzung des Soziologischen Instituts und einer gewaltsamen Demo musste er zweimal vor Gericht; 1969 bekam er 21 Monate Haft wegen Landfriedensbruchs aufgebrummt. Antreten musste er die Strafe nicht.

Verzicht auf Friedhofsgebühren
Am 13. Februar 1970 starb er bei einem Autounfall, er knallte bei Glatteis gegen einen Lastwagen. Krahls Beerdigung in Hannover war eine doppelte: an diesem Tag verabredeten die SDS-Funktionäre auch die Auflösung ihrer Organisation.

Dem Erhalt des Krahl-Grabes waren Spendenaufrufe prominenter Linker und ein Deal mit der Stadt vorausgegangen. Hannover verzichtet auf Friedhofsgebühren von 3884 Euro. DenkArt übernimmt die Pflegekosten in diesem Zeitraum, laut Rathaus 2235 Euro. Das Denkmal selbst schlägt mit rund 4000 Euro zu Buche. Damit sind die nächsten 20 Jahre gesichert.

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Dokument erstellt am 26.06.2007 um 18:00:09 Uhr
Letzte Änderung am 26.06.2007 um 20:46:15 Uhr
Erscheinungsdatum 27.06.2007

Ein Ehrengrab für 1968 URL: http://fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1162262

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