Krahls Tod, Beerdigung und Grab

dpa 14. Februar 1970

kassel, 14. februar 70 dpa – einer der fuehrenden sprecher des sozialistischen deutschen studentenbundes (sds), der 26jaehrige doktorand hans-juergen krahl, wurde in der nacht zum samstag bei einem verkehrsunfall in der naehe von wrexen (kreis waldeck) getoetet. wie die polizei mitteilte, geriet der personenwagen, in dem krahl sass, auf der schneeglatten bundesstrasse 252 ins schleudern und prallte mit einem entgegenkommenden lastwagen zusammen. waehrend krahl sofort tot war, starb der fahrer des wagens, der 25jaehrige franz-josef bevermeier aus paderborn, wenige stunden spaeter im krankenhaus. drei andere insassen des personenwagens wurden schwer verletzt.

krahl galt nach zahlreichen veroeffentlichungen als einer der theoretiker der studentischen linken in der bundesrepublik. wegen einer demonstration waehrend der frankfurter buchmesse im vergangenen jahr stand krahl im sogenannten raedelsfuehrerprozess neben zwei anderen angeklagten vor einer frankfurter strafkammer. der prozess war anfang des jahres wegen der erkrankung eines richters vertagt worden und sollte im herbst neu beginnen.
 

dpa 145 js/schm 14. feb 70 16.16


Beileidsschreiben Max Horkheimers an die Eltern von Hans-Jürgen Krahl

19.Februar 1970

Herrn und Frau
Rudolf Krahl
Eickenriede 4 A
Hannover-Ricklingen

Sehr verehrte Herr und Frau Krahl,

 Dass Ihr Sohn Hans Jürgen verunglückt und gestorben ist, hat mich zutiefst betroffen. Ich sage Ihnen mein Beileid. Er ist unersetzlich und meiner Überzeugung nach, wäre er ein höchst bedeutender Mensch geworden. Mag Ihnen das Bewusstsein, dass er ein unendlich intelligentes Wesen war, neben dem Schmerz, auch eine gewisse Befriedigung gewähren.

Ihr ergebener

Quelle: Horkheimer-Archiv, Frankfurt am Main


Zu seinem Tode
Wolfram Schütte am 16. Februar 1970 in der Frankfurter Rundschau


Hans Jürgen Krahl war neben Rudi Dutschke eine der beherrschenden Figuren des SDS. Man hat ihn gelegentlich mit Robespierre verglichen. Damit sollte nicht allein die schneidende Konsequenz seiner theoretischen Einsichten, die er kompromißlos zu Ende dachte, charakterisiert werden, sondern auch sein überragendes agitatorisches Vermögen. Er wußte es zielbewußt zu nutzen noch im Gerichtssaal, wo er, mit anderen seiner Genossen, wegen der Senghor Demonstration als »Rädelsführer« angeklagt war, hat seine Kurzbiographie, die er eine »Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klassen« nannte, auch jenen Respekt abgewonnen, die Krahls politischen Weg nicht nachvollziehen konnten.
Aus einer »unterentwickelten, von der Blut und Boden Ideologie geprägten Provinz Niedersachsens« (Sarstedt bei Hannover) stammend, machte der 1943 geborene Krahl 1963 in Alfeld an der Leine sein Abitur, studierte dann in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik. Als er 1965 nach Frankfurt überwechselte, war es für ihn eine politische Entscheidung. Über den postfaschistischen »Ludendorff Bund« war er zur davon linksstehenden Jungen Union gestoßen; und 1964 wurde er Mitglied des SDS. Seine Entscheidung für Frankfurt war eine Entscheidung für Adorno, dessen Doktorand er wurde. Von seinem frühen Studium Marx‘, das er später als »romantisch humanistisch« beschrieb, wollte seine Dissertation (Die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung in der Lehre von Marx. Zum geschichtsphilosophischen Gehalt des historischen Materialismus) abrücken.
Das Fortschreiten der Arbeit, mit der sich Krahl einmal berechtigte Hoffnungen auf eine akademische Laufbahn gemacht haben mochte, wurde hinausgezögert durch seine zunehmend stärker werdende praktische politische Arbeit in der Studentenbewegung vor allem Frankfurts. Zu jenem historischen Zeitpunkt (1967/68) schien ihm (und nicht nur ihm) »Aufklärung, die Aktion ist, begleitet durch permanente sprachliche Artikulation« vordringlich. Diese Phase des antiautoritären Kampfes weiter Teile der Studentenschaft, als deren Theoretiker und Sprecher sich Hans Jürgen Krahl damals fühlen konnte, brachte ihn und seine SDS Genossen bald in einen tiefgreifenden Konflikt mit ihren sympathisierenden Hochschullehrern Adorno und Habermas, die die Theorie der direkten, provokativen Aktion als »infantil« und »kurzsichtig« ablehnten. Der interne Konflikt wurde öffentlich, als die Professoren Frankfurter Polizei zur Hilfe riefen, nachdem Teile des SDS (unter ihnen Krahl) das Institut für Sozialforschung symbolisch besetzt hatten. Der Prozeß, der dann später in einem Frankfurter Amtsgericht dazu stattfand, zählt zu den deprimierendsten Erfahrungen der Linken.
Adornos Tod fiel etwa in die Zeit, als die provozierendsten Aktionen der Ap0 ihren Höhepunkt überschritten und die Neue Linke sich in die verschiedensten theoretischen Flügel zerstritten hatte. Krahl nahm den Tod seines Doktorvaters noch einmal zum Anlaß, um den »politischen Widerspruch in der Kritischen Theorie Adornos« zu markieren, die Grenzscheide zu bestimmen, die Adornos späte Kehre in die »abstrakte, geschichtslose Kontemplation« vom Rückbezug des SDS auf »orthodox marxistische«, auf gesellschaftliche Praxis bezogene Positionen trennte. (Vgl. FR vom 13.8.69.)
War das eine Positionsbestimmung des SDS, wie wir damals schrieben, oder doch schon nur mehr eines seiner Teile? Krahls (und auch anderer) hervorgehobene Stellung innerhalb der Studentenbewegung war schon zuvor der internen antiautoritären Kritik verfallen; der Widerspruch zwischen einer breiten antiautoritären Bewegung und deren Autoritäten wurde nicht gelöst. Er löste sich auf, wie sich die Konsistenz des ApO-Lagers auflöste. Um Krahl und andere „SDS-Autoritäten“ war es deshalb in letzter Zeit still geworden.
Vielleicht trifft auf ihn zu, was der Frankfurter AStA zu seinem Tode erklärte: „Er hat am konsequentesten die Aporien einer antiautoritären, anarchistischen Politik unter den gegebenen sozio-ökonomischen Bedingungen verkörpert. Jede theoretische Begründung radikal-demokratischer Politik muß sich heute von dieser von Krahl und anderen formulierten Position kritisch distanzieren und zugleich solidarisch an deren utopischen Anspruch festhalten.“


REDE ZUR BEERDIGUNG DES GENOSSEN HANS-JÜRGEN KRAHL
Claussen, Leineweber, Negt

Der Tod unserer Genossen Hans-Jürgen Krahl und Franz-Josef Bevermeier enthält nichts, was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre. Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltaglebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung kennt die Tragödie von politischen Intellektuellen, deren ausgeprägte Sensibilität häufig nur noch einen individuellen Ausweg aus unerträglich gewordenen Konfliktsituationen zuließ: selber dem Leben ein Ende zu bereiten. Außenstehende mögen auch noch einen Sinn darin sehen, daß man inmitten des politischen Kampfes den Tod findet, daß das Risiko, in gewalttätigen Großeinsätzen der Polizei an exponierter Stelle umzukommen, mit dem Grad der Kompromißlosigkeit des Kampfes sich zwangsläufig erhöht.
Aber dieser Tod, der Betroffenheit und Ratlosigkeit in gleicher Weise bei Angehörigen und Genossen hinterläßt, ist sinnlos, ohne lebensgeschichtliche Logik. Gleichwohl ist er ein politisches Faktum. Denn unsere gemeinsame Erfahrung und die in politischer Tätigkeit gewonnene Einsicht in die Notwendigkeit revolutionärer Praxis bilden jenen Zusammenhangt der uns die Möglichkeit gibt, angesichts des erschütternden Ereignisses dieses Todes nicht gänzlich verstummen zu müssen. War es nicht in erster Linie die aktive Wahrnehmung geschichtlicher Tatbestände: die Erinnerung an das System des faschistischen Terrors und der unmittelbare Eindruck der imperialistischen Unterdrückungskriege, die uns, noch bevor wir uns theoretische Klarheit über diese Phänomene verschafft hatten, zum Widerstand motivierte und in Aktionen zusammenführte? Alltägliche Folterungen, Massaker, Verstümmelungen ganzer Völker haben uns die Wahrheit des Satzes einer unserer philosophischen Lehrer vor Augen geführt: „Der Faschismus hat uns Schlimmeres fürchten gelehrt als den Tod.“ Die imperialistische Gewalt der gegenwärtigen Epochen, die im Leiden der Völker der Dritten Welt ihren sichtbarsten Ausdruck findet, verweist auf jenes Gewaltpotential, das allen Gesellschaftsordnungen des nachfaschistischen Kapitalismus innewohnt. Aber die erdrückende Erfahrung dieser imperialistischen Gewalt als eines Weltsystems hat nicht Resignation und Passivität, sondern Empörung bewirkt: die praktische Entschlossenheit t bestehende Gewaltverhältnisse zu brechen. Erst dadurch konnten wir begreifen lernen, was revolutionäre Gewalt als befreiende Kraft der Abschaffung von Unterdrückung, Ausbeutung und überflüssiger Herrschaft wirklich bedeutet.
Die bewaffneten Aufstände und die Sozialrevolutionen der unterdrückten Völker der Dritten Welt haben uns wieder zu Bewußtsein gebracht, wovon die Leidensgeschichte der europäischen Massen nur noch blasse Erinnerungen vermittelte: daß nämlich die Geschichte Produkt des kollektiven Handelns selbstbewußter Subjekte sein kann. Der provokative Protest, der das Anfangsstadium der studentischen Revolte kennzeichnet, war in dem praktischen Voluntarismus der vorwiegend antiimperialistisch gerichteten Aktionen ebenso notwendig wie notwendig, um die verschüttete Dimension bewußten und kollektiven geschichtlichen – Handelns in technologisierten Industriegesellschaften politisch überhaupt erst wieder erfahrbar zu machen – abstrakt, weil die Anschauung der imperialistischen Gewalt mit den durch Moral, Recht und gehobenen Lebensstandard zwangsläufig verschleierten Formen der spätkapitalistischen Gewaltverhältnisse noch nicht konkret vermittelt werden konnte.

Recht und Moral waren emanzipatorische Begriffe in denen das Bürgertum sein revolutionäres Selbstverständnis gegen die absolutistische Zwangsgewalt und gegen die feudalistische Vergeudung gesellschaftlichen Reichtums artikulierte; sie halfen jedoch gleichzeitig, die Individuen der bürgerlichen Gesellschaft ökonomischen Zwangsgesetzen und repressiven Bedürfnisbeschränkungen zu unterwerfen, die nicht nur das Proletariat, sondern insgesamt die vergesellschafteten Individuen trafen. Die proletarische Klasse hat deshalb von vornherein an die Stelle der illusionären Emanzipation der durch Arbeitsteilung und Konkurrenz vereinzelten Menschen die Solidarität der Kämpfenden und die Organisation eines politischen Kampfes gestellt, der, wenn auch notwendig behaftet mit den Merkmalen gewaltsamer Auseinandersetzungen, die freie Assoziation als Keimform der proletarischen Individuation in sich enthält.

Mit dem Faschismus, der die Zerstörung der proletarischen Massenorganisationen zum erklärten Ziel hatte, kündigte sich eine Tendenz zur Selbsterhaltung des kapitalistischen Systems, selbst um den Preis der Auflösung aller bürgerlichen Verkehrsformen, an. Die im Nachfaschismus mühsam etablierte formale Demokratie hat mit Hilfe modernisierter Herrschaftstechniken die Politik des manifesten Faschismus mit anderen Mitteln fortgesetzt; ihr Resultat ist, daß weder die bürgerlich-liberalen Verkehrsformen noch die traditionellen Assoziationsformen des Proletariats .jene geschichtliche Möglichkeit der Gesellschaftsveränderung enthalten, auf die sich eine sozialistische Bewegung heute ungebrochen noch beziehen könnte. Das bedeutet aber keineswegs, daß man davon entlastet wäre, die in ihnen ausgebildeten emanzipatorischen Gehalte gegen den Integrationsdruck der spätkapitalistischen Klassengesellschaft zu verteidigen. So haben sich bürgerliche Emanzipationsversprechungen und proletarischer Revolutionswille, bürgerliche Aufklärung und proletarisches Klassenbewußtsein durch den historisch reflektierten Bruch der revolutionären Traditionen gleichzeitig in der politischen Theorie der Neuen Linken angenähert und in der Realität weiter voneinander entfernt als in der dem Faschismus vorausgehenden Periode offener Klassenkämpfe.
Mit der Auflösung der historischen Legitimationsbasis des Kapitalismus als einer notwendigen Stufe des gesellschaftlichen Fortschritts im Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus hat sich die geschichtliche Alternative: Sozialismus oder Barbarei. objektiv zunehmend verschärft – unabhängig von der Tatsache, daß sie im Bewußtsein der Massen noch keine politischen Ausdrucksformen gefunden hat. Die Arbeiterklasse ist weiterhin Objekt des kapitalistischen Verwertungsprozesses; selbst die Freizeit der Arbeiter ist dem Kapitalinteresse unterworfen und in ihrer Struktur der Arbeitszeit angepaßt. Nachdem der Faschismus die Organisationen der Arbeiterklasse liquidiert und die Proletarier als Soldaten über die Schlachtfelder Europas gehetzt hatte, konnten sich in der Phase des Kalten Krieges keine neuen selbstbewußten Arbeiterorganisationen mehr bilden; die Arbeiter verloren nicht ihren Objektstatus, sondern im Gegenteil: sie wurden, diszipliniert durch Schule, Lehre und Militärdienst, zusätzlich Objekte ihrer eigenen bürokratisierten Organisationen. Sie verloren nicht nur die objekte Möglichkeit, sondern allmählich auch die subjektive Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.
In diesem Zusammenhang gewinnt die veränderte gesellschaftliche Stellung der wissenschaftlichen Intelligenz eine zunehmende Bedeutung. Der Prozeß der Verwissenschaftlichung der Produktion setzt sich nicht ohne Reduktion der Bildungsgeschichte des Einzelnen durch. Die Integration der geistigen Arbeit in den ökonomisch-materiellen Verwertungsprozeß schränkt die Möglichkeit der Aneignung von Reflexionswissen, das die Kategorien zum Begreifen und zur Kritik der kapitalistischen Gesellschaft liefert, zunehmend ein. Die Anpassung der wissenschaftlichen Ausbildung an die Bedürfnisse der kapitalistischen Produktion, welche die Technokratisierung von Schulen und Hochschulen gleichzeitig zur Voraussetzung wie zur Folge hat, setzt einen konkreten Bezugspunkt für unseren Widerstand, den die Studenten als isolierte gesellschaftliche Gruppe allein nicht zuende führen können. Aber vermittelt durch das antimperialistische Bewusstsein in der Studentenrevolte weisen die objektiven wie subjektiven Bedingungen auf eine Einheit mit der Arbeiterklasse. Die technische Intelligenz ist bereits sichtbar in den Produktionsprozeß integriert, und die kulturwissenschaftliche Intelligenz kann nicht länger bloß Kultur- und Ideologieproduzent sein. Ihre Arbeit wird zur gesellschaftlich notwendigen Ausbildung von Herrschafts- und Manipulationswissen unter den Kapitalverwertungszusammenhang subsumiert. Damit erweitert sich systematisch der klassische Begriff der Produktivität der Arbeit um den Anteil wissenschaftlicher Arbeit an der Mehrwertproduktion und um die zu einer zentralen Produktivkraft gewordene Kooperation in der hochtechnologisierten und –verwissenschaftlichen Produktion. Zugleich ist in den Begriff des Proletariats als revolutionären Subjekts – das heißt noch nicht: in seine historisch gewordene und festgelegte Erscheinungsform – die wissenschaftliche Intelligenz einzubeziehen. Theoretische und strategische Überlegungen, die unbefragt sich bloß auf das Industrieproletariat stützen, müssen als Fixierungen, die sich insbesondere mit unhistorisch übertragenen Leninschen Auffassungen von Fabrikarbeit und Arbeiteragitation verbinden zurückgewiesen werden.
Der dementsprechend unter den Bedingungen des sich erst kapitalisierenden Russland entstandene Parteitypus kann in den hochentwickelten Klassengesellschaften ebensowenig als revolutionäre Organisation rekonstruiert werden wie eine fiktive Geschlossenheit einer „marxistisch-leninistischen“ Theorie. Marx konnte bei der Entschleierung der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung an die noch gesellschaftliche Wahrheit beanspruchenden Kategorien der bürgerlichen Ökonomie immanent anknüpfen, um seine Kritik des kapitalistischen Systems darzustellen. Die positivistische Zerstreuung der Einzelwissenschaften verwehrt uns diesen Weg: angesichts der neuen Stufe der Zerstörung der liberalen Legimitationskategorien des Konkurrenzkapitalismus und der Totalisierung von Herrschaft durch den Spätkapitalismus ist transzendente Kritik notwendig geworden, die in der Form einer konkreten Utopie auf der Grundlage der Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse eine Basis den immaterielleren Bedürfnissen der unterdrückten Massen in den Metropolen gewinnen könnte.
Die im Programm der Liquidation der antiautoritären Phase enthaltene Verdrängung der Emanzipationsdebatte, in der diese immateriellen Bedürfnisse angesprochen wurden bedeutet für den SDS einen Rückfall in traditionelle Formen der linken Politik. Wenn es auch zutrifft, dass in den kommenden politischen Auseinandersetzungen ein erhöhtes Maß an Organisationsdisziplin notwendig sein wird, so kann diese doch nur ein Moment unserer Praxis sein; es wäre eingefährlicher Irrtum, wollte man die Schwierigkeiten einer Vermittlung zwischen Studentenbewegung und Arbeiterklasse statt auf die konkreten Lebensbedingungen des Proletariats auf den verengten Horizont von Disziplin, straffer, zentralistischer Kaderorganisation und Leitung zurückführen. Eine konkrete Utopie, die sich in der Organisation als eine widersprüchliche Einheit von Disziplin, Spontaneität und Solidarität darstellt, unterscheidet sich grundlegend sowohl vom klassischen Utopismus wie von jenem fetischisierten, abstrakten Spontaneismus, wie er sich in der Phase der aktiven Streiks an den Universitäten zeigte.
Auf der Suche nach der klassenmäßigen und politischen Identität neigt die deutsche Studentenbewegung, um ihre eigene Unsicherheit zu kompensieren, zum Prinzip der abstrakten Negation: die große Verweigerung als radikale, unvermittelte Negation der kapitalistischen Gesellschaft wird in ihrer eigenen Geschichte zur abstrakten Negation: dem realpolitischen Pragmatismus, der die arbeitsteilig verdinglichte Aufspaltung in eine theorielose Praxis und eine praxislose Theorie beinhaltet. Die Entfaltung der konkreten Utopie in der eigenen Organisation, ihrer Theorie, ihrer Agitation und selbst in ihrer gewaltsamen Aktion muß dagegen bestimmte Negation sein, – Negation, die anknüpft an die zur Verwirklichung drängenden, von der bestehenden Gesellschaft unterdrückten und vielfach deformierten Bedürfnisse der Massen. Und die Einbeziehung dieser Bedürfnisse in eine sozialrevolutionäre Praxis ist heute nicht mehr durch eine phantasielose Anpassung an das traditionelle Proletariat zu erreichen; es wäre eine aus der gegenwärtigen Verfassung vieler Genossen verständliche, aber dennoch falsche Selbstnegation der Existenzweise von isolierten Theoretikern. Niemand hat das mit größerer Entschiedenheit und Klarheit formuliert als Hans-Jürgen Krahl.
Seit Marx und Engels wissen wir im übrigen, dass selbst die Isolierung von der praktischen Bewegung für den sozialistischen Theoretiker zeitweilig die einzig sinnvolle Form der Praxis sein kann. Max Horkheimer hat mit Recht auf diese Erfahrung hingewiesen: „Der Intellektuelle, der nur in aufblickender Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündet, und sein Genügen darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, übersieht, dass jedes Ausweichen vor theoretischer Anstrengung, die er in der Passivität seines Denkens sich erspart, sowie vor einem zeitweiligen Gegensatz zu den Massen, in den eigenes Denken ihn bringen könnte, diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müssen. Sein eigenes Denken gehört als kritisches vorwärtstreibendes Element mit zu ihrer Entwicklung.“
Diese Einsicht muß sich freilich mit dem Willen verbinden, dem theoretischen Gedanken die Form praktischer Durchsetzbarkeit zu geben. Die Entwicklung von organisationsfähigen Kategorien für das, was mit dem Begriff des Klassenbewußtseins verbunden war, muß deshalb in der Protestbewegung zunächst als permanente Aufklärung des Verhältnisses zwischen der spontanen Emanzipationspraxis der wissenschaftlichen Intelligenz und den historischen Klassenkampferfahrungen des Proletariats sowie dem überlieferten Bezugsrahmen marxistischer Emanzipationsbegriffe verstanden werden. Die theoretische Auseinandersetzung mit den Grundkategorien der marxistischen Tradition ist: also weder Seminarmarxismus noch bloße Schulung, sondern ist selber schon Moment unserer politischen Praxis. Dies gehört zur Theorie und Praxis eines unorthodoxen, revolutionären Marxismus, der zur radikalen Selbstkorrektur fähig ist, wenn es die geschicht1ichen Veränderungen erforderlich machen.
Der plötzliche Tod unseres Genossen Hans-Jürgen Krahl bedeutet nicht nur eine Zäsur in der politischen Praxis der Neuen Linken, die für seine intellektuelle Biographie von entscheidender Bedeutung war und die ihm eine Fülle von theoretischen und organisationspraktischen Einsichten verdankt. Auch die Lebensgeschichte vieler Genossen, die in ihm den politisch-philosophischen Lehrer anerkannten, den sie im akademischen Bereich nicht fanden, wird sein Tod beeinflussen.
Für uns ergibt sich daraus die Aufgabe, an der von Hans-Jürgen Krahl gerade im letzten Jahr programmatisch formulierten Position festzuhalten, sie weiterzuentwickeln, um schließlich das zu realisieren, was er in einer Selbstdarstellung vor Gericht so formuliert hat:
„Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaft heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewußtseins. Es ist immer noch die Fesselung der Massen, bei aller materiellen Bedürfnisbefriedigung, an die elementarsten Formen der Bedürfnisbefriedigung – aus Angst, der Staat und das Kapital könnten ihnen die Sicherheitsgarantien entziehen. So hat auch Ernst Bloch argumentiert, wenn er im ‚Prinzip Hoffnung‘ die Frage stellt: warum sind diejenigen, die es nicht nötig haben, zur roten Fahne übergelaufen? Er sagt: ‚Es ist die sich tätig begreifende Menschlichkeit. ‚ “

Quelle: Sozialistische Correspondenz. INFO 34/35 28.2.1970
Herausgegeben von der Projektgruppe „März“, 6 FFM 1, Postfach 2441



Wolf Wondratschek

20. Februar 1970

1. Lektüre
Wie eine Trauergemeinde ihren Toten beerdigt, dieser Vorgang ist beschreibbar. Wie der Pfarrer eine Bibelstelle zitiert und auslegt, wie die Orgel den Gesang begleitet, wie der Sarg zur offenen Grabstelle hinausgetragen und schweigend von der Gemeinde, die sich vor allem angemessen herumgruppiert um die rechteckige Öffnung des Grabes, gefolgt wird, das kann man nachlesen. Wie sich die Angehörigen von dem Toten verabschieden und die Freunde nacheinander den Angehörigen kondolieren und die Angehörigen den Freunden wiederum dafür danken etc.; man glaubt das wahrscheinlich sogar: wer so beerdigt wird, stirbt nicht.

2. Pflegeverhalten
Die Grabpflege dokumentiert ja eingeschüchtert noch einmal, was als Familienpflege schon immer ganz selbstverständlich geübt wurde: die Liebe der Eltern wird von ihnen als Besitz geliebt.

3. Kränze
Die Eltern wollen, daß sich ihre Trauer für andere im Rückgriff auf das Geld wirklich bewahrheitet. Dieser Irrtum wird bei sogenannten repräsentativen Beerdigungen noch deutlicher.

4. Versuch einer Beerdigung eines Genossen
Die Eltern versuchten, ihren einzigen Sohn zu beerdigen. Seine Freunde versuchten, ihren Freund zu beerdigen. Offenbar hatten die Polizeibeamten der Landeshauptstadt Hannover den Auftrag, sich auf dem Friedhofsgelände möglichst unauffällig zu bewegen, das aber mißlang, sie bewegten sich unauffällig, man sah das. Fast könnte man sagen, die Polizeibeamten hatten in Zweiergruppen lediglich beide Arme wie gewohnt auf dem Rücken. Sie beobachteten, was geschah, aber es geschah nichts, was die bereitstehende Bereitschaftspolizei hätte alarmieren können. Die Trauerfeier fand in der Friedhofskapelle statt.

5. Frage
Wie verhalten sich Polizeibeamte, wenn kein Fluchtversuch vorliegt? Die Polizeibeamten verhielten sich so, als läge ein Fluchtversuch vor.

6. Dieser Vorgang läßt sich nicht beschreiben
Am 13. Februar verunglückte Hans-Jürgen Krahl auf einer Landstraße in der Nähe des oberhessischen Städtchens Arolsen. Am 14. Februar berichtete die Tagesschau in der Sparte Kurznachrichten, daß der erst 27jährige Hans-Jürgen Krahl, einer der prominentesten Ideologen des SDS, bei einem Autounfall tödlich verunglückt sei. Auf dem Ricklinger Gemeindefriedhof wurde Hans-Jürgen Krahl am 20. Februar beerdigt. Seine Beerdigung mißlang.

7. Was heißt das?
Heißt das, daß die Bestattung bestimmter Personen nicht mehr durchführbar ist oder heißt das, daß eine bestimmte Bestattung von Personen nicht mehr durchführbar ist? Und wie müßte dann eine bestimmte Bestattung einer bestimmten Person aussehen? Wie läßt sich die Tatsache eines solchen Todes organisieren angesichts so vieler anderer, wirklich organisierter Tode auf die gerade auch Hans-Jürgen Krahl hingewiesen hat?

8. Prinzip
Die Ratlosigkeit solchen Veranstaltungen gegenüber soll weggetrauert werden auf so einem Friedhof. Unter freiem Himmel soll jedem beigebracht werden, worauf zum Beispiel er nicht angewiesen war. Die Erinnerung an einen Toten wird mißbraucht, weil er nur zum Beweis dessen dient, was sich sonst nicht beweisen läßt.
Das Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls wurde zum Gegenstand lächerlicher Definitionen. Auf diese Weise sorgt der Staat für seine Toten staatserhaltend. Zwangsläufig vervollkommnet jeder Pfarrer jeden Toten zum Bild einer ganz anderen imaginären Hauptfigur.
Die Trauer war eine Trauerfeier.

9. Trauer
Daß es einen gibt, der etwas von Beerdigungen versteht, einen Pfarrer, der sich in dieser Sache auskennt, der sich beruflich gewissermaßen darauf vorbereitet und auf diesem Gebiet weitergebildet hat, machte diese Beerdigung theatralisch zum genauen Ritual eben jener bürgerlichen Gesellschaft, die Hans-Jürgen Krahl politisch abzuschaffen versuchte.

10. Wiederholungen
Die Anwesenheit seiner politischen Freunde verdeutlichte, daß eine Beerdigung tatsächlich nur die Veranstaltung vieler Beerdigungen sein kann, daß jede Trauerfeier die Trauer nur wiederholt. Und die Eltern von Hans-Jürgen Krahl wiederholten ihren Anspruch auf den Sohn noch einmal mit dieser Beerdigung, die zur Beleidigung wurde durch jenen Pfarrer, der ihn würdigte.

11. Bitte sehr
Was auf den deutschen (und nicht nur dort) Friedhöfen (und nicht nur dort) endlich einmal zu Grabe getragen werden müßte, wäre diese einseitige und staatlich so einwandfreie Tradition der Trauer.

12. Was heißt das ?
Auf den deutschen Friedhöfen wird zwar individuell geweint, aber kollektiv getrauert. Hier wird alles über jenen Kamm geschoren, der an Gottes langen Bart erinnert. An unseren Toten gelingt leider noch, was an uns Lebenden immer weniger zu gelingen scheint: daß man sich solche Verwechslungen wehrlos gefallen lassen muß. Über unsere Toten wird hier in einem Sinn verfügt, der sich restlos überhaupt nicht wegtrauern läßt, mögen die Veranstalter dieser Veranstaltungen noch so geschmackvoll, noch so fachmännisch auf die Sinnlosigkeit, die sie leugnen, zu sprechen kommen. Welcher Verdacht entsteht dabei?

13. Gewalt
Die tägliche Erfahrung der Alltäglichkeit des Todes widerspricht dem Vorrat an persönlicher Trauerbehandlung, die den Tod pompös zum Gegensatz des Lebens stilisiert. Und das ist Absicht: denn immerhin könnten diese Erfahrungen gefährlich werden, die Trauer könnte in Anbetracht dieser Widersprüche handgreiflich umschlagen, zuerst in Entrüstung, und schließlich in das, was sich daraus folgern läßt.

14. Kalkulation
Wie eine Trauergemeinde ihren Toten beerdigt, dieser Vorgang ist als ein politischer Vorgang beschreibbar:
wie hier Gefühle erzeugt werden zugunsten derer, die genau wissen, wie man Gefühle erzeugt und warum man das tut, wer hier das letzte Wort hat und was das heißt, wessen Prophetie sich hier und anderswo praktisch realisiert und das allerdings heißt: hier wird Trost ausgesprochen, für was? Das Leben soll natürlich weitergehen, aber nur auf diese eine Weise der Ergebenheit. Am Beispiel so eines Toten werden die Lebenden, je nach Konfession, über ein Leben der Vertröstungen instruiert. Auf Hans-Jürgen Krahl angewandt: ein Musterbeispiel.

15. Nachtrag
Und plötzlich begreift man, was geschehen könnte, würden sich aus unseren täglichen Erfahrungen irgendwann auch entsprechend alltägliche Gewohnheiten ergeben. Insofern war die Anwesenheit von Polizeibeamten auf dem Gemeindefriedhof Ricklingen wirklich aufschlußreich.

Quelle: Frankfurter Rundschau v. 1. Aug. 1970


Denkstein für Hans-Jürgen Krahl 2007