Wolf Wondratschek
Trauerfeier


20. Februar 1970

1. Lektüre
Wie eine Trauergemeinde ihren Toten beerdigt, dieser Vorgang ist beschreibbar. Wie der Pfarrer eine Bibelstelle zitiert und auslegt, wie die Orgel den Gesang begleitet, wie der Sarg zur offenen Grabstelle hinausgetragen und schweigend von der Gemeinde, die sich vor allem angemessen herumgruppiert um die rechteckige Öffnung des Grabes, gefolgt wird, das kann man nachlesen. Wie sich die Angehörigen von dem Toten verabschieden und die Freunde nacheinander den Angehörigen kondolieren und die Angehörigen den Freunden wiederum dafür danken etc.; man glaubt das wahrscheinlich sogar: wer so beerdigt wird, stirbt nicht.

2. Pflegeverhalten
Die Grabpflege dokumentiert ja eingeschüchtert noch einmal, was als Familienpflege schon immer ganz selbstverständlich geübt wurde: die Liebe der Eltern wird von ihnen als Besitz geliebt.

3. Kränze
Die Eltern wollen, daß sich ihre Trauer für andere im Rückgriff auf das Geld wirklich bewahrheitet. Dieser Irrtum wird bei sogenannten repräsentativen Beerdigungen noch deutlicher.

4. Versuch einer Beerdigung eines Genossen
Die Eltern versuchten, ihren einzigen Sohn zu beerdigen. Seine Freunde versuchten, ihren Freund zu beerdigen. Offenbar hatten die Polizeibeamten der Landeshauptstadt Hannover den Auftrag, sich auf dem Friedhofsgelände möglichst unauffällig zu bewegen, das aber mißlang, sie bewegten sich unauffällig, man sah das. Fast könnte man sagen, die Polizeibeamten hatten in Zweiergruppen lediglich beide Arme wie gewohnt auf dem Rücken. Sie beobachteten, was geschah, aber es geschah nichts, was die bereitstehende Bereitschaftspolizei hätte alarmieren können. Die Trauerfeier fand in der Friedhofskapelle statt.

5. Frage
Wie verhalten sich Polizeibeamte, wenn kein Fluchtversuch vorliegt? Die Polizeibeamten verhielten sich so, als läge ein Fluchtversuch vor.

6. Dieser Vorgang läßt sich nicht beschreiben
Am 13. Februar verunglückte Hans-Jürgen Krahl auf einer Landstraße in der Nähe des oberhessischen Städtchens Arolsen. Am 14. Februar berichtete die Tagesschau in der Sparte Kurznachrichten, daß der erst 27jährige Hans-Jürgen Krahl, einer der prominentesten Ideologen des SDS, bei einem Autounfall tödlich verunglückt sei. Auf dem Ricklinger Gemeindefriedhof wurde Hans-Jürgen Krahl am 20. Februar beerdigt. Seine Beerdigung mißlang.

7. Was heißt das?
Heißt das, daß die Bestattung bestimmter Personen nicht mehr durchführbar ist oder heißt das, daß eine bestimmte Bestattung von Personen nicht mehr durchführbar ist? Und wie müßte dann eine bestimmte Bestattung einer bestimmten Person aussehen? Wie läßt sich die Tatsache eines solchen Todes organisieren angesichts so vieler anderer, wirklich organisierter Tode auf die gerade auch Hans-Jürgen Krahl hingewiesen hat?

8. Prinzip
Die Ratlosigkeit solchen Veranstaltungen gegenüber soll weggetrauert werden auf so einem Friedhof. Unter freiem Himmel soll jedem beigebracht werden, worauf zum Beispiel er nicht angewiesen war. Die Erinnerung an einen Toten wird mißbraucht, weil er nur zum Beweis dessen dient, was sich sonst nicht beweisen läßt.
Das Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls wurde zum Gegenstand lächerlicher Definitionen. Auf diese Weise sorgt der Staat für seine Toten staatserhaltend. Zwangsläufig vervollkommnet jeder Pfarrer jeden Toten zum Bild einer ganz anderen imaginären Hauptfigur.
Die Trauer war eine Trauerfeier.

9. Trauer
Daß es einen gibt, der etwas von Beerdigungen versteht, einen Pfarrer, der sich in dieser Sache auskennt, der sich beruflich gewissermaßen darauf vorbereitet und auf diesem Gebiet weitergebildet hat, machte diese Beerdigung theatralisch zum genauen Ritual eben jener bürgerlichen Gesellschaft, die Hans-Jürgen Krahl politisch abzuschaffen versuchte.

10. Wiederholungen
Die Anwesenheit seiner politischen Freunde verdeutlichte, daß eine Beerdigung tatsächlich nur die Veranstaltung vieler Beerdigungen sein kann, daß jede Trauerfeier die Trauer nur wiederholt. Und die Eltern von Hans-Jürgen Krahl wiederholten ihren Anspruch auf den Sohn noch einmal mit dieser Beerdigung, die zur Beleidigung wurde durch jenen Pfarrer, der ihn würdigte.

11. Bitte sehr
Was auf den deutschen (und nicht nur dort) Friedhöfen (und nicht nur dort) endlich einmal zu Grabe getragen werden müßte, wäre diese einseitige und staatlich so einwandfreie Tradition der Trauer.

12. Was heißt das ?
Auf den deutschen Friedhöfen wird zwar individuell geweint, aber kollektiv getrauert. Hier wird alles über jenen Kamm geschoren, der an Gottes langen Bart erinnert. An unseren Toten gelingt leider noch, was an uns Lebenden immer weniger zu gelingen scheint: daß man sich solche Verwechslungen wehrlos gefallen lassen muß. Über unsere Toten wird hier in einem Sinn verfügt, der sich restlos überhaupt nicht wegtrauern läßt, mögen die Veranstalter dieser Veranstaltungen noch so geschmackvoll, noch so fachmännisch auf die Sinnlosigkeit, die sie leugnen, zu sprechen kommen. Welcher Verdacht entsteht dabei?

13. Gewalt
Die tägliche Erfahrung der Alltäglichkeit des Todes widerspricht dem Vorrat an persönlicher Trauerbehandlung, die den Tod pompös zum Gegensatz des Lebens stilisiert. Und das ist Absicht: denn immerhin könnten diese Erfahrungen gefährlich werden, die Trauer könnte in Anbetracht dieser Widersprüche handgreiflich umschlagen, zuerst in Entrüstung, und schließlich in das, was sich daraus folgern läßt.

14. Kalkulation
Wie eine Trauergemeinde ihren Toten beerdigt, dieser Vorgang ist als ein politischer Vorgang beschreibbar:
wie hier Gefühle erzeugt werden zugunsten derer, die genau wissen, wie man Gefühle erzeugt und warum man das tut, wer hier das letzte Wort hat und was das heißt, wessen Prophetie sich hier und anderswo praktisch realisiert und das allerdings heißt: hier wird Trost ausgesprochen, für was? Das Leben soll natürlich weitergehen, aber nur auf diese eine Weise der Ergebenheit. Am Beispiel so eines Toten werden die Lebenden, je nach Konfession, über ein Leben der Vertröstungen instruiert. Auf Hans-Jürgen Krahl angewandt: ein Musterbeispiel.

15. Nachtrag
Und plötzlich begreift man, was geschehen könnte, würden sich aus unseren täglichen Erfahrungen irgendwann auch entsprechend alltägliche Gewohnheiten ergeben. Insofern war die Anwesenheit von Polizeibeamten auf dem Gemeindefriedhof Ricklingen wirklich aufschlußreich.


Quelle: Frankfurter Rundschau v. 1. Aug. 1970