Sarstedter Anzeiger, 12. Februar 2005
Der SDS-Ideologe aus der Voss-Straße


Der legendäre Frankfurter Studentenführer Hans-Jürgen Krahl hat am Montag 35. Todestag

Artikel über Krahl in "Hildesheimer Allgemeine Zeitung"Sarstedt (akr). Hans-Jürgen Krahl galt als der Chefideologe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Der Frankfurter Studentenführer starb bereits mit 27 Jahren bei einem Autounfall. Die ersten 15 Jahre seines Lebens verbrachte er in Sarstedt. Montag hat er seinen 35. Todestag.

Rudi Dutschke sagte einmal über Hans-Jürgen Krahl: "Er war der Klügste von uns allen." Der gebürtige Sarstedter galt als charismatische Figur der Studentenrevolte von 1968. Er verkörperte in aller Widersprüchlichkeit deren Inhalte und Ziele. Der Philosoph Theodor W. Adorno sagte über seinen Lieblingsschüler: "In Krahl, da hausen die Wölfe." Der spätere Studentenführer studierte in Göttingen Philosophie, Germanistik, Mathe und Geschichte. 1964 trat er dem SDS bei. Neben Rudi Dutschke war er der profilierteste Redner und Diskutierer der 68er und auch an "vorderster Front" dabei. So steckte er beispielsweise bei mehreren Demonstrationen Prügel ein.

Das Geburtshaus von Krahl stand in der Voss-Straße 7. Das Haus gehörte den Vosswerken, es steht heute nicht mehr. Seine ersten Jahre beschreibt Krahl selbst in seinem Lebenslauf. Er wurde am 17. Januar 1943 als Sohn des kaufmännischen Angestellten Rudolf Krahl und der Angestellten Erna Krahl in Sarstedt bei Hannover geboren. Seine Eltern waren von Stettin nach Sarstedt geflohen. Hier verlor Hans-Jürgen Krahl im Frühjahr 1944 bei einem Bombenangriff sein rechtes Auge. Seitdem trug er ein künstliches Ersatzauge. Ostern 1949 kam er auf die Grundschule in Sarstedt, nach dem vierten Jahr dort legte er Ostern 1953 die Prüfung für die Mittelschule ab. Dort blieb er nicht lange. Bereits zum sechsten Schuljahr wechselte er zur Scharnhorstschule in Hildesheim. Wegen einer langen Krankheit musste er die achte Klasse wiederholen, tat das allerdings im Alfelder Gymnasium. Sein Vater arbeitete in Alfeld als Büroleiter im staatlichen Gesundheitsamt. Dort seien seine Leistungen rapide gestiegen, schrieb Krahl über sich selbst. Doch wegen seiner Arbeit als Redakteur der Schülerzeitung und Schulsprecher seien seine Leistungen dann wieder etwas schlechter geworden.

Die Heisederin Irmel Plinke erinnert sich gut an ihren damaligen Klassenkameraden aus Alfeld. „Er war ein genialer Kopf und rhetorisch sehr begabt“, erzählt sie. Belesen und philosophisch sehr interessiert. „Mit ihm gab es immer heiße Diskussionen“, so Irmel Plinke. Doch damals argumentierte Hans-Jürgen Krahl noch in eine andere Richtung. Der spätere Adorno-Schüler war damals noch Anhänger Adenauers. 1961 gründete er in Alfeld die Junge Union und trat der CDU bei. Über seine Kehrtwende nach links war Irmel Plinke sehr überrascht. „Ich habe ihn später in Göttingen getroffen und kaum wiedererkannt“, erzählt sie.

Norbert Saßmannshausen dagegen kann sich die Wende in Krahls Leben erklären. Der Frankfurter gehört zu der Initiative Krahl-Gedächtnis, die sich für die Erhaltung der Grabstätte Krahls in Hannover-Ricklingen stark macht. „Hans-Jürgen Krahl hat seine rechte Positionierung mit seinem damaligen Umfeld erklärt“, berichtet er. Vor allem aber vermutet er, dass Krahl wegen seiner Vorgeschichte nicht stark verwurzelt war und in seiner Jugend Orientierung suchte.

Als Chefideologe des SDS gab der Adorno-Schüler Krahl später selbst Orientierung. Seine Reden und Arbeiten gehören inzwischen zum Mythos der Revolte von 1968.

Hans-Jürgen Krahl liegt auf dem Friedhof in Hannover-Ricklingen begraben. Lebende Angehörige hat er nicht mehr, das Grab sollte eingeebnet werden. Dagegen kämpfte Krahls damals bester Freund Udo Riechmann mit der eigens gegründeten Initiative Krahl-Gedächtnis, um sein Andenken zu erhalten. Sie hatte bei der Stadt Hannover erreicht, dass diese die Grabstätte für die nächsten 20 Jahre nicht einebnet, wenn

sie sich darum kümmert.

Die Initiative Krahl-Gedächtnis hat Informationen über Hans-Jürgen Krahl auf den Internetseiten www.krahl-seiten.de zusammengestellt. Wer Fotos oder Erinnerungen an Krahl hat, kann sich mit Norbert Saßmannshausen in Frankfurt in Verbindung setzen, Telefon 0 69 / 76 75 24 58.

(c) 2005 Hildesheimer Allgemeine Zeitung