Krahl

Zu seinem Tode

Wolfram Schütte am 16. Februar 1970 in der Frankfurter Rundschau

Hans Jürgen Krahl war neben Rudi Dutschke eine der beherrschenden Figuren des SDS. Man hat ihn gelegentlich mit Robespierre verglichen. Damit sollte nicht allein die schneidende Konsequenz seiner theoretischen Einsichten, die er kompromißlos zu Ende dachte, charakterisiert werden, sondern auch sein überragendes agitatorisches Vermögen. Er wußte es zielbewußt zu nutzen noch im Gerichtssaal, wo er, mit anderen seiner Genossen, wegen der Senghor Demonstration als »Rädelsführer« angeklagt war, hat seine Kurzbiographie, die er eine »Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klassen« nannte, auch jenen Respekt abgewonnen, die Krahls politischen Weg nicht nachvollziehen konnten.

Aus einer »unterentwickelten, von der Blut und Boden Ideologie geprägten Provinz Niedersachsens« (Sarstedt bei Hannover) stammend, machte der 1943 geborene Krahl 1963 in Alfeld an der Leine sein Abitur, studierte dann in Göttingen Philosophie, Geschichte, Germanistik und Mathematik. Als er 1965 nach Frankfurt überwechselte, war es für ihn eine politische Entscheidung. Über den postfaschistischen »Ludendorff Bund« war er zur davon linksstehenden Jungen Union gestoßen; und 1964 wurde er Mitglied des SDS. Seine Entscheidung für Frankfurt war eine Entscheidung für Adorno, dessen Doktorand er wurde. Von seinem frühen Studium Marx', das er später als »romantisch humanistisch« beschrieb, wollte seine Dissertation (Die Naturgesetze der kapitalistischen Entwicklung in der Lehre von Marx. Zum geschichtsphilosophischen Gehalt des historischen Materialismus) abrücken.

Das Fortschreiten der Arbeit, mit der sich Krahl einmal berechtigte Hoffnungen auf eine akademische Laufbahn gemacht haben mochte, wurde hinausgezögert durch seine zunehmend stärker werdende praktische politische Arbeit in der Studentenbewegung vor allem Frankfurts. Zu jenem historischen Zeitpunkt (1967/68) schien ihm (und nicht nur ihm) »Aufklärung, die Aktion ist, begleitet durch permanente sprachliche Artikulation« vordringlich. Diese Phase des antiautoritären Kampfes weiter Teile der Studentenschaft, als deren Theoretiker und Sprecher sich Hans Jürgen Krahl damals fühlen konnte, brachte ihn und seine SDS Genossen bald in einen tiefgreifenden Konflikt mit ihren sympathisierenden Hochschullehrern Adorno und Habermas, die die Theorie der direkten, provokativen Aktion als »infantil« und »kurzsichtig« ablehnten. Der interne Konflikt wurde öffentlich, als die Professoren Frankfurter Polizei zur Hilfe riefen, nachdem Teile des SDS (unter ihnen Krahl) das Institut für Sozialforschung symbolisch besetzt hatten. Der Prozeß, der dann später in einem Frankfurter Amtsgericht dazu stattfand, zählt zu den deprimierendsten Erfahrungen der Linken.

Adornos Tod fiel etwa in die Zeit, als die provozierendsten Aktionen der Ap0 ihren Höhepunkt überschritten und die Neue Linke sich in die verschiedensten theoretischen Flügel zerstritten hatte. Krahl nahm den Tod seines Doktorvaters noch einmal zum Anlaß, um den »politischen Widerspruch in der Kritischen Theorie Adornos« zu markieren, die Grenzscheide zu bestimmen, die Adornos späte Kehre in die »abstrakte, geschichtslose Kontemplation« vom Rückbezug des SDS auf »orthodox marxistische«, auf gesellschaftliche Praxis bezogene Positionen trennte. (Vgl. FR vom 13.8.69.)

War das eine Positionsbestimmung des SDS, wie wir damals schrieben, oder doch schon nur mehr eines seiner Teile? Krahls (und auch anderer) hervorgehobene Stellung innerhalb der Studentenbewegung war schon zuvor der internen antiautoritären Kritik verfallen; der Widerspruch zwischen einer breiten antiautoritären Bewegung und deren Autoritäten wurde nicht gelöst. Er löste sich auf, wie sich die Konsistenz des ApO-Lagers auflöste. Um Krahl und andere „SDS-Autoritäten“ war es deshalb in letzter Zeit still geworden.

Vielleicht trifft auf ihn zu, was der Frankfurter AStA zu seinem Tode erklärte: „Er hat am konsequentesten die Aporien einer antiautoritären, anarchistischen Politik unter den gegebenen sozio-ökonomischen Bedingungen verkörpert. Jede theoretische Begründung radikal-demokratischer Politik muß sich heute von dieser von Krahl und anderen formulierten Position kritisch distanzieren und zugleich solidarisch an deren utopischen Anspruch festhalten.“