PORTRÄT
Der Chefideologe

 

 

Hans Jürgen Krahl (FR-Archiv)

+Hans Jürgen Krahl (FR-Archiv)

VON FRED KICKHEFEL

Der 14. Februar 1970 ist ein nasskalter Wintertag. Auf der Bundesstraße 252, rund 50 Kilometer vor Marburg, gerät ein Auto auf eisglatter Fahrbahn ins Schleudern und prallt gegen einen entgegenkommenden Lastwagen. Der 26-jährige Frankfurter Student auf dem Beifahrersitz ist sofort tot. Damit hat der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS ) seinen "Chefideologen" verloren, Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Krahl.

Der Weg zum "führenden Kopf des Frankfurter SDS" (Die Zeit) verläuft für Krahl nicht gradlinig. 1943 in Sarstedt bei Hannover geboren, verliert er bereits als kleines Kind bei einem Bombenangriff ein Auge. Abitur 1963, Studium in Göttingen: Philosophie, Germanistik, Mathematik, Geschichte. Seit 1961 Mitglied der CDU, Eintritt in eine schlagende Verbindung. Der politische Richtungswechsel erfolgt schon mit dem frühesten Beginn der Studentenbewegung: 1964 tritt er dem SDS bei, 1965 kommt er nach Frankfurt, beginnt bei Adorno seine Dissertation zum Thema "Naturgesetz der kapitalistischen Bewegung bei Marx". Krahl ist bald neben Rudi Dutschke (1940-1979) profiliertester Redner und Diskutierer der "68er", aber auch "in vorderster Front" dabei: Bei mehreren Demonstrationen wird er von der Polizei verprügelt, nach der Besetzung des soziologischen Instituts im Januar 1969 zu einem Jahr und neun Monaten Haft wegen Landfriedensbruchs verurteilt.

Auch in die Geschichte der Frauenbewegung ist Krahl eingegangen, denn er war selbst nicht ganz schuldlos daran, dass die SDS-Führer zwar ständig von der Befreiung der unterdrückten Masse redeten, den weiblichen Teil der Menschheit dabei aber weitgehend ignorierten. Am 13. September 1968, bei einer SDS-Delegiertenkonferenz in Frankfurt, ruft deswegen die Berlinerin Sigrid Rüger (1939-1995): "Genosse Krahl, du bist objektiv ein Konterrevolutionär und ein Agent des Klassenfeindes dazu." Dann wirft sie eine ursprünglich als Pausensnack mitgebrachte Tomate in Richtung Vorstandspodium, wo ein sichtlich konsternierter Krahl nach Worten ringt. Getroffen hat sie ihn übrigens, aller Legendenbildung zum Trotz, nicht. Die Szene gilt heute als Beginn der deutschen Frauenbewegung.

In seinem Frankfurter 68er-Schlüsselroman "Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond" hat Gerhard Zwerenz dem Studentenführer Hans-Jürgen Krahl ein literarisches Denkmal gesetzt.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Erscheinungsdatum 12.05.2004 | Ausgabe: S | Seite: 36