REDE ZUR BEERDIGUNG
DES GENOSSEN HANS-JÜRGEN KRAHL
Claussen, Leineweber, Negt

Der Tod unserer Genossen Hans-Jürgen Krahl und Franz-Josef Berermeier enthält nichts, was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre. Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltaglebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung kennt die Tragödie von politischen Intellektuellen, deren ausgeprägte Sensibilität häufig nur noch einen individuellen Ausweg aus unerträglich gewordenen Konfliktsituationen zuließ: selber dem Leben ein Ende zu bereiten. Außenstehende mögen auch noch einen Sinn darin sehen, daß man inmitten des politischen Kampfes den Tod findet, daß das Risiko, in gewalttätigen Großeinsätzen der Polizei an exponierter Stelle umzukommen, mit dem Grad der Kompromißlosigkeit des Kampfes sich zwangsläufig erhöht.

Aber dieser Tod, der Betroffenheit und Ratlosigkeit in gleicher Weise bei Angehörigen und Genossen hinterläßt, ist sinnlos, ohne lebensgeschichtliche Logik. Gleichwohl ist er ein politisches Faktum. Denn unsere gemeinsame Erfahrung und die in politischer Tätigkeit gewonnene Einsicht in die Notwendigkeit revolutionärer Praxis bilden jenen Zusammenhangt der uns die Möglichkeit gibt, angesichts des erschütternden Ereignisses dieses Todes nicht gänzlich verstummen zu müssen. War es nicht in erster Linie die aktive Wahrnehmung geschichtlicher Tatbestände: die Erinnerung an das System des faschistischen Terrors und der unmittelbare Eindruck der imperialistischen Unterdrückungskriege, die uns, noch bevor wir uns theoretische Klarheit über diese Phänomene verschafft hatten, zum Widerstand motivierte und in Aktionen zusammenführte? Alltägliche Folterungen, Massaker, Verstümmelungen ganzer Völker haben uns die Wahrheit des Satzes einer unserer philosophischen Lehrer vor Augen geführt: "Der Faschismus hat uns Schlimmeres fürchten gelehrt als den Tod." Die imperialistische Gewalt der gegenwärtigen Epochen, die im Leiden der Völker der Dritten Welt ihren sichtbarsten Ausdruck findet, verweist auf jenes Gewaltpotential, das allen Gesellschaftsordnungen des nachfaschistischen Kapitalismus innewohnt. Aber die erdrückende Erfahrung dieser imperialistischen Gewalt als eines Weltsystems hat nicht Resignation und Passivität, sondern Empörung bewirkt: die praktische Entschlossenheit t bestehende Gewaltverhältnisse zu brechen. Erst dadurch konnten wir begreifen lernen, was revolutionäre Gewalt als befreiende Kraft der Abschaffung von Unterdrückung, Ausbeutung und überflüssiger Herrschaft wirklich bedeutet.

Die bewaffneten Aufstände und die Sozialrevolutionen der unterdrückten Völker der Dritten Welt haben uns wieder zu Bewußtsein gebracht, wovon die Leidensgeschichte der europäischen Massen nur noch blasse Erinnerungen vermittelte: daß nämlich die Geschichte Produkt des kollektiven Handelns selbstbewußter Subjekte sein kann. Der provokative Protest, der das Anfangsstadium der studentischen Revolte kennzeichnet, war in dem praktischen Voluntarismus der vorwiegend antiimperialistisch gerichteten Aktionen ebenso notwendig wie notwendig, um die verschüttete Dimension bewußten und kollektiven geschichtlichen - Handelns in technologisierten Industriegesellschaften politisch überhaupt erst wieder erfahrbar zu machen - abstrakt, weil die Anschauung der imperialistischen Gewalt mit den durch Moral, Recht und gehobenen Lebensstandard zwangsläufig verschleierten Formen der spätkapitalistischen Gewaltverhältnisse noch nicht konkret vermittelt werden konnte.

Recht und Moral waren emanzipatorische Begriffe in denen das Bürgertum sein revolutionäres Selbstverständnis gegen die absolutistische Zwangsgewalt und gegen die feudalistische Vergeudung gesellschaftlichen Reichtums artikulierte; sie halfen jedoch gleichzeitig, die Individuen der bürgerlichen Gesellschaft ökonomischen Zwangsgesetzen und repressiven Bedürfnisbeschränkungen zu unterwerfen, die nicht nur das Proletariat, sondern insgesamt die vergesellschafteten Individuen trafen. Die proletarische Klasse hat deshalb von vornherein an die Stelle der illusionären Emanzipation der durch Arbeitsteilung und Konkurrenz vereinzelten Menschen die Solidarität der Kämpfenden und die Organisation eines politischen Kampfes gestellt, der, wenn auch notwendig behaftet mit den Merkmalen gewaltsamer Auseinandersetzungen, die freie Assoziation als Keimform der proletarischen Individuation in sich enthält.

Mit dem Faschismus, der die Zerstörung der proletarischen Massenorganisationen zum erklärten Ziel hatte, kündigte sich eine Tendenz zur Selbsterhaltung des kapitalistischen Systems, selbst um den Preis der Auflösung aller bürgerlichen Verkehrsformen, an. Die im Nachfaschismus mühsam etablierte formale Demokratie hat mit Hilfe modernisierter Herrschaftstechniken die Politik des manifesten Faschismus mit anderen Mitteln fortgesetzt; ihr Resultat ist, daß weder die bürgerlich-liberalen Verkehrsformen noch die traditionellen Assoziationsformen des Proletariats .jene geschichtliche Möglichkeit der Gesellschaftsveränderung enthalten, auf die sich eine sozialistische Bewegung heute ungebrochen noch beziehen könnte. Das bedeutet aber keineswegs, daß man davon entlastet wäre, die in ihnen ausgebildeten emanzipatorischen Gehalte gegen den Integrationsdruck der spätkapitalistischen Klassengesellschaft zu verteidigen. So haben sich bürgerliche Emanzipationsversprechungen und proletarischer Revolutionswille, bürgerliche Aufklärung und proletarisches Klassenbewußtsein durch den historisch reflektierten Bruch der revolutionären Traditionen gleichzeitig in der politischen Theorie der Neuen Linken angenähert und in der Realität weiter voneinander entfernt als in der dem Faschismus vorausgehenden Periode offener Klassenkämpfe.

Mit der Auflösung der historischen Legitimationsbasis des Kapitalismus als einer notwendigen Stufe des gesellschaftlichen Fortschritts im Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus hat sich die geschichtliche Alternative: Sozialismus oder Barbarei. objektiv zunehmend verschärft - unabhängig von der Tatsache, daß sie im Bewußtsein der Massen noch keine politischen Ausdrucksformen gefunden hat. Die Arbeiterklasse ist weiterhin Objekt des kapitalistischen Verwertungsprozesses; selbst die Freizeit der Arbeiter ist dem Kapitalinteresse unterworfen und in ihrer Struktur der Arbeitszeit angepaßt. Nachdem der Faschismus die Organisationen der Arbeiterklasse liquidiert und die Proletarier als Soldaten über die Schlachtfelder Europas gehetzt hatte, konnten sich in der Phase des Kalten Krieges keine neuen selbstbewußten Arbeiterorganisationen mehr bilden; die Arbeiter verloren nicht ihren Objektstatus, sondern im Gegenteil: sie wurden, diszipliniert durch Schule, Lehre und Militärdienst, zusätzlich Objekte ihrer eigenen bürokratisierten Organisationen. Sie verloren nicht nur die objekte Möglichkeit, sondern allmählich auch die subjektive Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu artikulieren.

In diesem Zusammenhang gewinnt die veränderte gesellschaftliche Stellung der wissenschaftlichen Intelligenz eine zunehmende Bedeutung. Der Prozeß der Verwissenschaftlichung der Produktion setzt sich nicht ohne Reduktion der Bildungsgeschichte des Einzelnen durch. Die Integration der geistigen Arbeit in den ökonomisch-materiellen Verwertungsprozeß schränkt die Möglichkeit der Aneignung von Reflexionswissen, das die Kategorien zum Begreifen und zur Kritik der kapitalistischen Gesellschaft liefert, zunehmend ein. Die Anpassung der wissenschaftlichen Ausbildung an die Bedürfnisse der kapitalistischen Produktion, welche die Technokratisierung von Schulen und Hochschulen gleichzeitig zur Voraussetzung wie zur Folge hat, setzt einen konkreten Bezugspunkt für unseren Widerstand, den die Studenten als isolierte gesellschaftliche Gruppe allein nicht zuende führen können. Aber vermittelt durch das antimperialistische Bewusstsein in der Studentenrevolte weisen die objektiven wie subjektiven Bedingungen auf eine Einheit mit der Arbeiterklasse. Die technische Intelligenz ist bereits sichtbar in den Produktionsprozeß integriert, und die kulturwissenschaftliche Intelligenz kann nicht länger bloß Kultur- und Ideologieproduzent sein. Ihre Arbeit wird zur gesellschaftlich notwendigen Ausbildung von Herrschafts- und Manipulationswissen unter den Kapitalverwertungszusammenhang subsumiert. Damit erweitert sich systematisch der klassische Begriff der Produktivität der Arbeit um den Anteil wissenschaftlicher Arbeit an der Mehrwertproduktion und um die zu einer zentralen Produktivkraft gewordene Kooperation in der hochtechnologisierten und –verwissenschaftlichen Produktion. Zugleich ist in den Begriff des Proletariats als revolutionären Subjekts – das heißt noch nicht: in seine historisch gewordene und festgelegte Erscheinungsform – die wissenschaftliche Intelligenz einzubeziehen. Theoretische und strategische Überlegungen, die unbefragt sich bloß auf das Industrieproletariat stützen, müssen als Fixierungen, die sich insbesondere mit unhistorisch übertragenen Leninschen Auffassungen von Fabrikarbeit und Arbeiteragitation verbinden zurückgewiesen werden.

Der dementsprechend unter den Bedingungen des sich erst kapitalisierenden Russland entstandene Parteitypus kann in den hochentwickelten Klassengesellschaften ebensowenig als revolutionäre Organisation rekonstruiert werden wie eine fiktive Geschlossenheit einer „marxistisch-leninistischen“ Theorie. Marx konnte bei der Entschleierung der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung an die noch gesellschaftliche Wahrheit beanspruchenden Kategorien der bürgerlichen Ökonomie immanent anknüpfen, um seine Kritik des kapitalistischen Systems darzustellen. Die positivistische Zerstreuung der Einzelwissenschaften verwehrt uns diesen Weg: angesichts der neuen Stufe der Zerstörung der liberalen Legimitationskategorien des Konkurrenzkapitalismus und der Totalisierung von Herrschaft durch den Spätkapitalismus ist transzendente Kritik notwendig geworden, die in der Form einer konkreten Utopie auf der Grundlage der Befriedigung der elementarsten Bedürfnisse eine Basis den immaterielleren Bedürfnissen der unterdrückten Massen in den Metropolen gewinnen könnte.

Die im Programm der Liquidation der antiautoritären Phase enthaltene Verdrängung der Emanzipationsdebatte, in der diese immateriellen Bedürfnisse angesprochen wurden bedeutet für den SDS einen Rückfall in traditionelle Formen der linken Politik. Wenn es auch zutrifft, dass in den kommenden politischen Auseinandersetzungen ein erhöhtes Maß an Organisationsdisziplin notwendig sein wird, so kann diese doch nur ein Moment unserer Praxis sein; es wäre eingefährlicher Irrtum, wollte man die Schwierigkeiten einer Vermittlung zwischen Studentenbewegung und Arbeiterklasse statt auf die konkreten Lebensbedingungen des Proletariats auf den verengten Horizont von Disziplin, straffer, zentralistischer Kaderorganisation und Leitung zurückführen. Eine konkrete Utopie, die sich in der Organisation als eine widersprüchliche Einheit von Disziplin, Spontaneität und Solidarität darstellt, unterscheidet sich grundlegend sowohl vom klassischen Utopismus wie von jenem fetischisierten, abstrakten Spontaneismus, wie er sich in der Phase der aktiven Streiks an den Universitäten zeigte.

Auf der Suche nach der klassenmäßigen und politischen Identität neigt die deutsche Studentenbewegung, um ihre eigene Unsicherheit zu kompensieren, zum Prinzip der abstrakten Negation: die große Verweigerung als radikale, unvermittelte Negation der kapitalistischen Gesellschaft wird in ihrer eigenen Geschichte zur abstrakten Negation: dem realpolitischen Pragmatismus, der die arbeitsteilig verdinglichte Aufspaltung in eine theorielose Praxis und eine praxislose Theorie beinhaltet. Die Entfaltung der konkreten Utopie in der eigenen Organisation, ihrer Theorie, ihrer Agitation und selbst in ihrer gewaltsamen Aktion muß dagegen bestimmte Negation sein, - Negation, die anknüpft an die zur Verwirklichung drängenden, von der bestehenden Gesellschaft unterdrückten und vielfach deformierten Bedürfnisse der Massen. Und die Einbeziehung dieser Bedürfnisse in eine sozialrevolutionäre Praxis ist heute nicht mehr durch eine phantasielose Anpassung an das traditionelle Proletariat zu erreichen; es wäre eine aus der gegenwärtigen Verfassung vieler Genossen verständliche, aber dennoch falsche Selbstnegation der Existenzweise von isolierten Theoretikern. Niemand hat das mit größerer Entschiedenheit und Klarheit formuliert als Hans-Jürgen Krahl.

Seit Marx und Engels wissen wir im übrigen, dass selbst die Isolierung von der praktischen Bewegung für den sozialistischen Theoretiker zeitweilig die einzig sinnvolle Form der Praxis sein kann. Max Horkheimer hat mit Recht auf diese Erfahrung hingewiesen: „Der Intellektuelle, der nur in aufblickender Verehrung die Schöpferkraft des Proletariats verkündet, und sein Genügen darin findet, sich ihm anzupassen und es zu verklären, übersieht, dass jedes Ausweichen vor theoretischer Anstrengung, die er in der Passivität seines Denkens sich erspart, sowie vor einem zeitweiligen Gegensatz zu den Massen, in den eigenes Denken ihn bringen könnte, diese Massen blinder und schwächer macht, als sie sein müssen. Sein eigenes Denken gehört als kritisches vorwärtstreibendes Element mit zu ihrer Entwicklung.“

Diese Einsicht muß sich freilich mit dem Willen verbinden, dem theoretischen Gedanken die Form praktischer Durchsetzbarkeit zu geben. Die Entwicklung von organisationsfähigen Kategorien für das, was mit dem Begriff des Klassenbewußtseins verbunden war, muß deshalb in der Protestbewegung zunächst als permanente Aufklärung des Verhältnisses zwischen der spontanen Emanzipationspraxis der wissenschaftlichen Intelligenz und den historischen Klassenkampferfahrungen des Proletariats sowie dem überlieferten Bezugsrahmen marxistischer Emanzipationsbegriffe verstanden werden. Die theoretische Auseinandersetzung mit den Grundkategorien der marxistischen Tradition ist: also weder Seminarmarxismus noch bloße Schulung, sondern ist selber schon Moment unserer politischen Praxis. Dies gehört zur Theorie und Praxis eines unorthodoxen, revolutionären Marxismus, der zur radikalen Selbstkorrektur fähig ist, wenn es die geschicht1ichen Veränderungen erforderlich machen.

Der plötzliche Tod unseres Genossen Hans-Jürgen Krahl bedeutet nicht nur eine Zäsur in der politischen Praxis der Neuen Linken, die für seine intellektuelle Biographie von entscheidender Bedeutung war und die ihm eine Fülle von theoretischen und organisationspraktischen Einsichten verdankt. Auch die Lebensgeschichte vieler Genossen, die in ihm den politisch-philosophischen Lehrer anerkannten, den sie im akademischen Bereich nicht fanden, wird sein Tod beeinflussen.

Für uns ergibt sich daraus die Aufgabe, an der von Hans-Jürgen Krahl gerade im letzten Jahr programmatisch formulierten Position festzuhalten, sie weiterzuentwickeln, um schließlich das zu realisieren, was er in einer Selbstdarstellung vor Gericht so formuliert hat:

"Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaft heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewußtseins. Es ist immer noch die Fesselung der Massen, bei aller materiellen Bedürfnisbefriedigung, an die elementarsten Formen der Bedürfnisbefriedigung - aus Angst, der Staat und das Kapital könnten ihnen die Sicherheitsgarantien entziehen. So hat auch Ernst Bloch argumentiert, wenn er im 'Prinzip Hoffnung' die Frage stellt: warum sind diejenigen, die es nicht nötig haben, zur roten Fahne übergelaufen? Er sagt: 'Es ist die sich tätig begreifende Menschlichkeit. ' "


Quelle: Sozialistische Correspondenz. INFO 34/35 28.2.1970
Herausgegeben von der Projektgruppe "März", 6 FFM 1, Postfach 2441